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Zvezda hat in den letzten drei Jahren zwei mittelalterliche Schiffe in 1:72 auf den Markt gebracht. Zum Einen die "Hansekogge", zum anderen eine fast baugleiche "Kreuzfahrernef".
Die Unterschiede sind eher marginal. Die Nef hat einen Mastkorb, einen Bugspriet, einen an den Seiten geschlossenen, ansonsten aber baugleichen Heckaufbau und ein kleines Rettungsboot an Bord. Gibt es bei der Kogge noch drei Decal-Optionen der Hansestädte Lübeck, Rostock und Hamburg, so beschränkt sich die Auswahl bei der Nef lediglich auf ein rotes Kreuz für das Segel und für die Wappenschilde an der Bordwand.


Für Liebhaber und Kenner der mittelalterlichen Schifffahrt liegt Zvezda in diesem Fall mit "Nef" als spezielle Typenbezeichnung einer Schiffsart auch eher daneben (…die Titanic war schließlich auch kein Panzerkreuzer, oder?), in der allgemeineren Bedeutung des Wortes Nef, das lediglich ein großes Schiff bezeichnete, liegt dieses Modell jedoch wieder einigermaßen im Rahmen.
Während Zvedzda die Form für ihre Kogge an Revell weitergegeben hat (oder zumindest die Nutzungsrechte) und diese damit nun ihrerseits eine "Elbinger Kogge" auf den Markt gebracht haben, plant Zvezda für den Sommer 08 eine weitere Kopie der Nef aufzulegen; dieses Mal als englisches mittelalterliches Schiff Thomas (tatsächlich gab es zu Beginn des 100-jährigen Krieges eine königliche englische Kogge mit dem Namen Thomas ; Ähnlichkeiten zum Modell möchte ich aber alleine schon aus der unterschiedlichen Bautradition bezweifeln).



Auf den ersten Blick ist Zvezda der Bausatz an sich gut gelungen. An der Passgenauigkeit gibt es nur wenig zu meckern, die Holzstrukturen sind schön herausgearbeitet. Zumindest dort, wo sie vorhanden sind, wie Außenseite des Rumpfes, den Kastellen und dem Deck. Doch sind die Innenseiten der Bordwand (Rumpf und Kastelle), der Mast und einige andere Bauteile unstrukturiert und einfach nur glatt - abgesehen von den zahlreichen, gut zu sehenden Auswurfstellen.
Besonders gut gelungen ist Zvezda die Stoffstruktur des Segels; auch wenn das tonnenschwere Segel selbst mit annähernd zwei Millimeter Materialstärke den Masten unmittelbar zum Zerbersten bringen würde. Hier fühlt man sich doch ein wenig an die Hartplastiksegel der ersten Modellbausätze aus den 60´ern des letzten Jahrhunderts erinnert.
Aber am Schönsten ist das in Längsrichtung beplankte Deck mit der angegossenen Ladeluke. Ladeluken waren zu dieser Zeit gerade mal im Mittelmeer bekannt, auf den nordeuropäischen Koggen konnten einzelne Deckplanken abgehoben werden, um in den Laderaum zu gelangen. Außerdem war das Deck quer zur Schiffsrichtung beplankt. Das stellte sich während meiner Recherchen zum Thema "Kogge" als archäologisch untermauerte Tatsache heraus. Auch hat der ein oder andere Holzwurm unter den Modellbauern (auch und speziell Christian hier von modellmarine.de) mich darauf aufmerksam gemacht.




So weit; so gut.
Ich hatte nun beide Bausätze vor mir liegen und wollte so gut wie möglich daraus eine Kogge und ein Kreuzfahrerschiff bauen. So entschloss ich mich einzelne Teile der beiden Sätze auszutauchen und am jeweilig anderen Schiff zu verwenden. Die Kogge erhielt das geschlossene Heckkastell und den Mastkorb; die Nef - ist ein anderes Kapitel und fällt vorerst einmal aus dem Blickfeld.
Der Zusammenbau des Rumpfes und der Kastelle ging problemlos von statten. Lediglich das Anbringen des Unterwasserschiffes ist wegen den harten Übergängen quer durch einzelne Plankengänge ein wenig verzwickt; aber machbar. Am meisten Arbeit erforderte das Überarbeiten des Decks. Die richtige Ausrichtung der Planken habe ich mit dünnen Lindenholzleisten nachempfunden, die ich einfach auf das vorhandene Plastikdeck klebte. Das Zurechtschneiden der Leisten war zwar eine etwas stupide Arbeit, war den Aufwand aber wert.
Das dicke Plastiksegel habe ich als Vorlage für mein Papiersegel benutzt, indem ich Packpapier mit verdünntem Holzleim bestrich und über das Plastikmonster legte. Ausgehärtet war es einfach abzuziehen und fertig! Die Takelung übernahm ich der Einfachheit halber aus der Bauanleitung.
Meiner Kogge sollten ihre zahlreichen Jahre Dienst anzusehen sein. Daher waren für mich neben der Darstellung der Holzstruktur im Allgemeinen auch die Alterungs- und Abnutzungsspuren von besonderem Interesse. Das geteerte Unterwasserschiff sollte dunkler sein als der Rest des Rumpfes und auch die Kastelle sollten sich, wie auf zahlreichen zeitgenössischen Darstellungen, etwas vom Farbton des Rumpfes abheben.


Den Rumpf und die Aufbauten habe ich mit einem dunklen Braunton grundiert und anschließend mit den verschiedensten Farbtönen in Ölfarbe trockengemalt. Mit dabei schwarz, mehrere Brauntöne, gelb, grün und weiß. Alle diese Töne habe ich im feuchten Zustand überlagert, so dass sich auf dem Modell weitere Schattierungen ergeben haben. Erst nach einer mehrwöchigen Trockenzeit habe ich einige Stellen mit der gleichen Technik nochmals besonders hervorgehoben. Das Deck hatte ich im Vorfeld hell grundiert und dann – den Gegebenheiten angepasst - auch nur mit hellen Tönen trockengemalt.


Mit der Zeit reifte die Idee, dass nicht nur ihre Dienstjahre, sondern auch einen Einsatz ihrer Dienstzeit zu sehen sein sollte. In der Literatur über Koggen und die Hanse kam mir dabei der Begriff "Friedeschiff" unter. Mit Hilfe bis an die Zähne Bewaffneter für Frieden zu sorgen ist schließlich auch in der heutigen Welt nicht unbekannt. Damals kämpften die Hansstädte in erster Linie gegen Seeräuber, aber auch gegen Grafen, Könige und andere Territorialherren, die den Einfluss oder diverse Vorrechte der hanseatischen Kaufleute beschränken wollten.
Dabei bediente ich mich in den unterschiedlichsten Figurensets so ziemlich aller Hersteller, der ich habhaft werden konnte (Imex, Orion, Mini Art, Caesar Miniatures, HÄT, …). Ich wollte die ganze Szene so heterogen wie möglich gestalten und auf Wiederholungen der Posen möglichst verzichten. Dazu stellte ich ein mittelalterliches Zinnengeschütz aufs Deck. Dieses ist ein feiner Zinnbausatz der Firma "Fine Scale Factory". Wann genau das erste Geschütz an Bord eines Schiffes Verwendung fand ist nicht geklärt. Kleinere Handwaffen waren schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Gebrauch.



Man nimmt an, dass um 1400 die ersten geschmiedeten Bordkanonen zum Einsatz kamen. Allerdings dürften auch diese anfangs mehr moralischen als militärischen Wert gehabt haben. Irgendwo dazwischen habe ich die Szenerie meiner Kogge angesiedelt. Auch damalige Piraten werden sich nicht einfach so zum Henker führen lassen und dementsprechend gewehrt haben. Seekrieg zur Zeit der Hanse bedeutete, dass der Gegner geentert werden musste und auf den Decks ein kleiner Landkrieg tobte. Mann gegen Mann. Die einzigen Fernwaffen waren Pfeil und Bogen, bzw. Armbrüste. So sollten auch auf meiner Kogge die ersten Spuren der Annäherung zu sehen sein. Dutzende Pfeile sollten in der Schiffsseite und anderen Bereichen des Schiffes stecken, während die eigenen Bewaffneten das Feuer erwidern. Kleine Stifte aus Stahldraht dienten dabei für deren Darstellung er Pfeile, dünnes in Form geschnittenes Plastiksheet als Befiederung.
Das Schiff wurde noch mit ein wenig Fracht und anderem Nützlichen versehen und fertig war sie; meine Kogge.



Nachtrag


Auf der Oberschleißheimer Ausstellung im Frühjahr 07 stand sie dann zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Die Kommentare und Anregungen dazu haben mich ermuntert noch mal eine Kogge…und noch mal eine Kogge, und ein Wikingerschiff zu Bauen. Diese hatte ich aus Platzgründen zeitweise zwar ausgesiedelt, in diesem Jahr aber wieder zusammengesammelt, so dass ich inzwischen eine nette kleine mittelalterliche Flotte zu Hause stehen habe. Und es ist noch nicht aller Tage Abend; … für dieses finstere Zeitalter. Ideen und Projekte gäbe es noch genug.
Wolfgang