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Modell: Britannia, britische Königs- und Regattayacht von 1893-1936
Hersteller: C.Mamoli, Italien
Maßstab: 1:64
Material: Holz, Kupfer, Messing, Zinn, Leinen
Bausatz: No. MV 44
Preis: 381,- DM (1996), 198,- Euro (Anfang 2006)
Abmessungen Modell: LüA: 760 mm, Höhe: 930 mm

Das Vorbild


Wer sich jemals die Frage gestellt hat, wann und wie der Übergang von den Baltimore-Clippern, Pilot-Kuttern, Tee-Klippern und holländischen Staatenyachten mit langen Bugsprieten und eher plumpen Rumpfformen zu modernen Rennyachten, wie den J-Class Yachten eingeleitet wurde, für den stellt dieses Schiff endlich die Antwort dar. Sie besitzt einen langen Bugspriet und eine Gaffeltakelung, die eher klassisch genannt werden müssen und gleichzeitig einen Rumpf, der einer J-Class Yacht sehr nahe kommt.
1893 gab der damalige Prince of Wales und spätere König Edward VII, bei G.L. Watson den Auftrag, dieses Schiff zu bauen. Der König war damals schon als begeisterter Regattasegler bekannt und wollte ein Schiff haben, mit dem er alles in Grund und Boden segeln konnte.
Was G.L. Watson da für ihn baute, wurde definitiv diesen Anforderungen gerecht. Die Yacht errang in ihrer aktiven Zeit in Summe 231 Regatta-Siege und ist damit bis zum heutigen Tag die erfolgreichste Rennyacht aller Zeiten!
Bereits in ihrem ersten Jahr errang sie von 43 Regatten, an denen sie teilnahm, 33 Siege. Im darauffolgenden Jahr gewann sie alle sieben Regatten, an denen sie im Mittelmeer teilnahm. Wieder zurück in England besiegte sie die Gewinnerin des America's Cup von 1893.
Im Jahr 1897 fand sich kein Gegner mehr für die Britannia und so wurde sie für 15 Jahre aus dem Regattageschehen genommen. Sie wechselte sechsmal den Besitzer. Sie erhielt ein höheres Schanzkleid und ein niedrigeres Rigg und wurde letztlich als Fahrtenyacht für das britische Königshaus genutzt, welches mit der Yacht die britische Küste besegelte.
Während der Wirren des ersten Weltkriegs geriet sie dann in Vergessenheit und gammelte mehrere Jahre im Schlamm vor sich hin. 1920 holte sie der neue König, George V, wieder aus dem Schlamm und war von ihrer immer noch hohen Geschwindigkeit überrascht.
Er war von ihren Leistungen so überrascht, dass er sie 1922 wieder regattatauglich machen und sie wieder an Regatten teilnehmen ließ. - Und mit was für einem Erfolg! Sie gewann in diesem Jahr 23 von 26 Regatten an denen sie teilnahm. - Was für eine Leistung für ein 30 Jahre altes Schiff, welches bis 1920 irgendwo im Schlamm gesteckt hatte...!
1931 wurde sie, nach langem Widerstand des Köngis, noch auf eine Bermudatakelung umgeriggt, aber das Ergebnis war leider eher mäßig. 1934 segelte sie ihre letzte Regatta.
1936 wurde sie, weil der König es so verfügt hatte und seine Söhne kein Interesse an der Yacht zeigten, nach dem Tod von George V ihrer Maschinen und Rundhölzer „beraubt“ und südlich der Isle of Wight mit einer Zeremonie angebohrt und versenkt.
Wer noch mehr über diese einmalige Yacht lesen (und ein paar Bilder sehen) möchte, kann hier nachschauen:
http://wengatz.de/herbert/maritimes/modellbau/hmy_britannia/index.html

Das Modell


Das Modell besitzt einen sehr schönen Maßstab, der diesem Schiff absolut gerecht wird. Bei 1:64 hat man genug Möglichkeiten um sauber und präzise zu arbeiten und viele schöne Details zu zeigen. Der Maßstab ermöglicht es, tatsächlich dem Anspruch eines Museeumsmodells einigermaßen gerecht zu werden. Damit ist das Modell ganz sicher nichts für Einsteiger. Wer dieses Schiff bauen möchte, sollte sich unbedingt vorher einige Sporen mit anderen Modellen verdienen. Es wäre zu schade um den Bausatz, wenn man hier viel Zeit und Geld investieren würde und dann doch zu viele Fehler machen würde. Hier sind Zeit, Geduld und viel handwerkliches Geschick gefragt.
Die Fotos auf dem Baukasten sind wunderschön und lassen darauf schließen, dass man hier wirklich ein besonders schönes und exklusives Modell baut.
Die Abmessungen sind mit 76 cm Länge und 93 cm Höhe nicht unbedingt klein, aber so ein prächtiges Schiff darf sicher auch ein wenig mehr Platz in Anspruch nehmen.
Die Yacht stammt aus einer Zeit, als Schiffe grundsätzlich eher schwarz gepecht waren. Das heute so moderne Weiß kam erst viel später.
Von Mamoli sind eine Reihe weiterer Modellyachten erhältlich, die historisch ähnlich wertvoll sind. Aber nur wenige, die an die Eleganz und grazile Schönheit der Britannia heranreichen.






Bausatzbestandteile


Der Bausatz ist erfreulich umfangreich. Das Erste, was einem in die Hände fällt, ist ein Bauplan-Ordner, der 5 (!) doppelseitig (!) bedruckte Pläne von Konstrukteur Luigi Volonte enthält.
Des weiteren enthält der Bausatz:

Der Beschlagsatz besteht aus:




Qualität des Bausatzes


Der Bausatz ist qualitativ sehr hochwertig. Viele gute und teuere Hölzer, die dafür sorgen, dass das Modell auch dann sehr gut aussieht, wenn man es nicht lackiert oder beizt. Schon alleine, dass das Sperrholz aus Mahagoni ist, zeigt, wie viel Wert hier auf Details und Qualität gelegt wurde.
Die Pläne sind sehr schön und zeigen jedes Detail ausführlich, so daß man stets eine gute Vorstellung davon bekommt, wie die Teile später zusammengehören sollen.
Leider, leider ist die gesamte Dokumentation nur zweisprachig: italienisch und englisch. Leider ist auch das englisch zum Teil etwas merkwürdig, so daß man sich durchaus anstregen muß, das eine oder andere auch richtig zu verstehen. - Ohne gute Englisch-Kenntnisse und Phantasie geht hier nichts! - Erfreulicherweise sind aber die Pläne wieder so gut, daß man den Text kaum noch braucht.
Die Rumpfbestandteile, wie Kiel und Spanten sind bereits mit dem Laser ausgeschnitten, was heutzutage Standard ist und sicher viele Mühen erspart.
Wie man leider erst bei ausführlichem Studium der Pläne und des Textes feststellt, ist die Herstellung der Ballast-Bombe des Kiels variabel gehalten. - Es wird dem Erbauer freigestellt, entweder einen Bleikiel selbst zu gießen (Materialien müssen selbst besorgt werden), oder eine Attrappe aus Holz zu bauen (die muss man für das gießen ohnehin erstellen), oder aber eine fertige Bleibombe in Italien extra käuflich zu erwerben. Das erscheint zunächst einmal unverständlich und kompliziert, ist es aber nicht.
Erstens richtet sich das Modell an erfahrene Modellbauer, bei denen die Erstellung einer solchen Bombe keine größeren Probleme darstellen sollte.
Zweitens ist so eine Bombe nicht zwingend erforderlich. - Wird das Modell fest mit einer Grundplatte verbunden, so besteht kein Bedarf für ein so schweres Metallteil. Ein solcher Kiel aus Metall sorgt sogar eher für weitere Probleme:
das Modell könnte sich durch das Gewicht verziehen
das Metall kann durch Korrosion das Holzmodell langfristig schädigen
Drittens ist eine echte Ballastbombe eigentlich nur erforderlich, wenn man das Modell schwimmfähig machen möchte, was wiederum bei einem so grazilen und schwierigen Modell sicher einige Bedenken hervorruft.
Das die Beplankung im Bausatz gleich zweimal enthalten ist, hat ebenfalls seinen Grund. Jeder erfahrene Modellbauer weiss, daß man ein solches Modell entweder mit Hinblick auf eine schöne Darstellung der Bautechnik und des Holzes baut, oder aber mit Hinblick auf Authentizität, also mit möglichst realistischem Aussehen. Letzteres erzwingt normalerweise den Griff zu Spachtelmasse und Lack.
Mamoli sieht von vornherein beide Möglichkeiten vor. Es wird empfohlen, das Modell entweder nur einfach zu beplanken, zu spachteln und zu lackieren, oder aber einen erheblich aufwendigeren Weg zu gehen und das Modell tatsächlich ZWEIMAL zu beplanken. - Beim zweiten Durchgang soll man die Mahagoni-Planken auftragen. Und diese dann auf eine sehr aufwändige und kunstvolle Art, nämlich diagonal! - Letzteres entspricht tatsächlich der damaligen Bauweise von Rennyachten. Nachdem der Rumpf aber extrem lang und schlank ist, ist die Gefahr bei diagonaler Beplankung extrem hoch, dass der Kiel dabei verzogen wird. Auch hier muss wieder eine deutliche Warnung ausgesprochen werden: Das ist definitiv NICHTS für Einsteiger!
Ein Detail am Rande, welches mir ganz gut gefällt, ist eine kleine „Holzkunde“, die sich auf der Innenseite des Deckels befindet. Nachdem der Deckel ja aufwändig farbig und mit Hochglanz gedruckt ist, wurde dieser Umstand gleich dafür ausgenutzt, diese Holzkunde einzuarbeiten. So fällt es leichter, wenn von einem „Tulipie“-Holzstreifen die Rede ist, diesen von einem mit denselben Abmessungen, aber aus „Acero“ zu unterscheiden.
Die Beschlagteile sehen gut aus, sind umfangreich vorhanden. Ich hatte zuerst ein wenig Bedenken, als ich sah, dass meine Saling ganz krumm war. Ich befürchtete, sie könnte beim richten brechen. Das Material ist jedoch so gewählt, dass es das problemlos mitgemacht hat.
Das metallene Namensschild hätte man aber auch gut weglassen können. Es ist im Stil zu „sachlich“ und passt überhaupt nicht zum Rest des Modells. Hier sollte man sich etwas schönes selbst anfertigen (lassen).
Der Ständer für das Modell ist im Prinzip ein eigener kleiner Bausatz für sich. Ihm ist alleine eine eigene Seite des Bausatzes gewidmet, wobei allerdings der Ständer, so wie er auf der Packung zu sehen ist, nicht so gebaut wurde, wie es der Plan vorschreibt. Hier hat sich der Erbauer wohl etwas Freiraum genommen. - Ich schwanke noch, welche Version ich besser finde.



Fazit


Wer über das entsprechende handwerkliche Geschick verfügt, kann mit dem Bau dieser einmaligen historischen Rennyacht eine exklusive Zierde für jedes Wohnzimmer oder auch jedes Clubhaus oder sonstigen geeigneten Ort herstellen.
Der Bausatz ist sehr vollständig und auch wieder nicht. Er stellt hohe Anforderungen an den Erbauer, belohnt aber auch mit hochwertigem Material und guten Plänen. Es sei hier noch einmal wiederholt: dieser Bausatz ist nicht für Einsteiger und auch wenig für mittelmäßige Modellbauer. Hier wird viel gefordert! - Wer einen einfacheren Einstieg sucht, sollte es vielleicht zuerst mit der Shamrock von Amati (Bausatzbesprechung ebenfalls auf dieser Webseite) versuchen. Diese ist preiswerter, kleiner, hat bereits einen fertigen Resin-Rumpf beigelegt und ergibt ebenfalls ein sehr schönes und ähnliches Modell.
Alleine die Historie des Originals (Britannia) ist ein hoher Anreiz dafür, dieses Modell zu bauen. Es fordert zu einer intensiveren Recherche heraus, da man versucht sein kann, es nicht im Originalzustand von 1893 zu bauen (wie es der Bausatz vorsieht), sondern vielleicht mit dem Bermuda-Rigg von 1932.
Das Original hat in England sicher viele Spuren hinterlassen und so lässt sich, wenn man über ausreichende Englisch-Kenntnisse verfügt, sicher noch eine Menge an weiteren Details recherchieren. Dies, zusammen mit dem dem großzügigen Maßstab, ermöglicht es dem erfahrenen Modellbauer, ein Modell in echter Museeumsqualität herzustellen.
Ein schöner, hochwertiger Bausatz eines einmaligen Schiffes, welcher, wenn sauber und präzise ausgeführt, einen Brillianten jeder Sammlung darstellt.
Der Preis von etwa 200 Euro geht vollkommen in Ordnung, wenn man sich den Umfang und die Qualität der Teile, sowie die ausgezeichneten Pläne anschaut.
Einziger Wermutstropfen bleibt das Fehlen jeglicher deutscher Dokumentation und die spärliche historische Aufarbeitung.
Auf einer Skala von 1 bis 10 gebe ich diesem Bausatz eine 9.
Herbert Wengatz