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Chinesischer Lenkwaffenzerstörer Nanchang (1/350, Bronco) von Ingmar Stöhr Drucken
Mittwoch, 13. Mai 2020 um 05:00

Das Original

Der Typ 055 ist aktuell der modernste Zerstörertyp der chinesischen Marine. Die Nanchang (南昌) ist das Typschiff der Klasse und wurde 2014 auf Kiel gelegt. Die Indienststellung fand am 12. Januar 2020 statt. Mit 180 m Länge und ca. 12.000 Tonnen Verdrängung sind die Schiffe für Zerstörer sehr groß und werden z.B. von den USA auch als Kreuzer klassifiziert.

Wie bei den meisten modernen Marineeinheiten wurde auch der Typ 055 so gestaltet, dass er eine verringerte Radarsignatur aufweist. Die Hauptbewaffnung besteht aus 112 VLS-Starterzellen. Diese werden ergänzt durch eine 130-mm-Bordkanone, ein 30-mm-CIWS und einen 24-fach Starter für HQ-10 Raketen, ebenfalls zur Nahbereichsverteidigung. Außerdem können zwei Bordhubschrauber mitgeführt werden.

Vorgeschichte

Chinesische Kriegsschiffe waren für mich bisher nie ein Thema, bis ich irgendwann im Januar gefragt wurde, ob ich nicht eine Besprechung über den neuesten Schiffsbausatz von Bronco für Panzer-Modell.de schreiben wolle. Keine Ahnung, wie die zu dem Bausatz gekommen sind, aber ablehnen konnte ich das dann auch nicht. Nach der Inspektion des Bausatzes wurde ich zusätzlich noch damit aufgezogen, dass man den mit seinen 85 Teilen doch an einem Tag bauen könne. Das kann man natürlich nicht, aber damit war das Interesse geweckt und die Geschichte nahm ihren Lauf…

Der Bausatz

Wie die meisten modernen Kriegsschiffe ist auch die Nanchang geprägt von großflächigen, gegenüber der Vertikalen geneigten Aufbauwänden und sehr aufgeräumten Decksflächen. Dementsprechend besteht der Bausatz hauptsächlich aus den zwei Rumpfhälften, zwei größeren Aufbauteilen, 81 Kleinteile an zwei Spritzlingen, ein paar Ätzteilen und Abziehbildern. Der Rumpf ist horizontal entlang des Knicks in der Bordwand geteilt. Die Aufbauten sind am Stück gespritzt, müssen also nicht wie oft üblich aus mehreren Seitenwänden zusammengeklebt werden. Dies führt leider auch dazu, dass die Lüfter an manchen Seiten zwar sehr fein ausgeführt sind, an anderen aus formtechnischen Gründen aber gar nicht dargestellt sind. Auch bedingt durch den Formenbau und die einteilige Ausführung sind die vielen Antennenflächen immer auf einer Seite angeschrägt und haben keine scharfe Kante zu den Bordwänden. Im Abgleich mit den wenigen Vorbildfotos erkennt man schnell, dass an den Aufbauten sämtliche Rettungsringe und Decksleuchten sowie einige Türen fehlen. Die kleine Ätzteilplatine enthält viele Antennen sowie die Fangnetzte für das Hubschrauberdeck, aber leider keine Reling, obwohl diese sogar auf der Verpackung dargestellt ist. Weiterhin sucht man vergeblich einen Bordhubschrauber, mit dem man das Hubschrauberdeck beleben könnte.

Der Bausatz ist seit kurzer Zeit für ca. 75 € im deutschen Handel. Für diesen Preis hätte ich gerade von Bronco deutlich mehr erwartet. Für den halbe Preis bekommt man z.B. ein LCS-3 vom selben Hersteller mit deutlich mehr und vollständigeren Details. Oder man bekäme schon fast einen Arleigh Burke Zerstörer von Trumpeter inklusive eines Ätzteilsatzes von MK-1 oder Tetra für einen ähnlichen Betrag.

Der Bau

Gut, nun war der Bausatz also schon mal geöffnet und inspiziert. Wollen wir doch mal sehen, ob wir trotz der aufgefallenen Schwachstellen nicht ein ansehnliches Modell daraus zaubern können. Ich wollte dem Aussehen des Originals nahe kommen habe mich aber gleich davon verabschiedet ein „perfektes“ Abbild des Originals zu schaffen. Dafür gab es zum Bauzeitpunkt einfach viel zu wenig Vorbildfotos. Vor allem ein paar Ansichten von oben wären sehr hilfreich gewesen.

Als erstes habe ich zwei Löcher für die spätere Befestigung in den Rumpf gebohrt und darüber jeweils eine M4-Mutter eingelebt. Nun konnten schon die Rumpfhälften zusammengefügt und der Sonardom angesetzt werden. Die Rumpfhälften passen sehr gut. Eigentlich musste die Naht nur verschliffen werden. Dabei muss man allerdings aufpassen, dass man den Knick nicht rund schleift. Das ist mir nur so halb gelungen. Die Naht zwischen Sonardom und Rumpf habe ich mit in Tamiya-Kleber aufgelöstem Plastiksheet gefüllt und dann eine ganze Weile daran rumgeschliffen. Zum Kiel ergibt sich ein komischer Absatz, dessen Vorhandensein am Original ich mangels Fotos nicht verifizieren konnte. Ich habe mich dann dafür entschieden einen glatten Übergang darzustellen und habe den Absatz verschliffen.

Die vorderen Aufbauten haben große Garagentore, hinter denen sich vermutlich die Beiboote verbergen. Am Bausatz sind das einfach etwas vertiefte Flächen ohne jede Struktur. Ich habe hier Plastikplatten eingesetzt, um sie auf eine Höhe mit dem Rumpf zu bringen und dann die Lamellen der Tore eingraviert.

Die Brückenfenster sind durch den Formenbau sehr komisch gespritzt. Die um 45 Grad zur Seite geneigten Fensterfronten haben die Fensteröffnungen nicht senkrecht zur Oberfläche, sondern diese zeigen auch zum Bug. Das habe ich versucht zu korrigieren so gut es ging. Außerdem habe ich die Fensteröffnung von hinten mit Plastikplatten verschlossen. Damit wäre der Rohbau der Aufbauten dann aber auch schon abgeschlossen – wären da nicht die Schornsteine. Diese hat Bronco leider nur sehr vage angedeutet. Die Öffnungen wurden von mir aufgefräst und mit einem fiktiven Innenausbau versehen. Leider konnte ich kein passendes Vorbildfoto auftreiben. Aber so schaut man wenigstens nicht mehr einfach auf eine Stahlplatte.

Als nächstes habe ich versucht, die sehr nackt aussehenden Aufbauten durch Details wie Rettungsringe und Decksleuchten zu beleben. Die Leuchten sind kleine Quader aus Plastikmaterial. Die Rettungsringe habe ich durch Stanzen aus dünnem Plattenmaterial angefertigt und nach Fotos an den Aufbauten verteilt. Einige der Antennenflächen habe ich auch nochmal mit Plastikmaterial aufgedoppelt, um diesen mehr Definition zu verleihen. Hier und da wurden nach Fotos noch ein paar Türen, Lüfter und undefinierte Kästen auf den Decks ergänzt. Die Poller bekamen „Deckel“ aus ausgestanztem Plattenmaterial. Und schon war das ganze Modell viel interessanter geworden.

Und nun war es auch schon an der Zeit Farbe ins Spiel zu bringen. Auf Fotos scheinen die chinesischen Zerstörer sehr kräftig rote Unterwasserschiffe zu haben. Ein Wasserpass scheint zu fehlen, was die Arbeit vereinfacht. Überwasserschiff und Aufbauten scheinen mir in hellerem Grau gehalten zu sein, als bei ihren Gegenparts der US-Navy. Schlussendlich entschied ich mich für Schiffsbodenfarbe (AK731) und Pale Blue Grey (Vallejo MA71.046). Für die Decks fiel meine Wahl auf Dark Sea Grey (Vallejo MA71.053). Da alle Aufbauten am Rumpf mit angegossen sind und direkt in den Rumpf übergehen, muss leider viel abgeklebt oder vorsichtig von Hand gepinselt werden. Nach der Grundierung mit One Shot Primer von AMIG in Grau wurden zuerst die Decksflächen lackiert. Anschließend wurden diese mit Tamiya Maskierband abgeklebt.

Dann wurden Überwasserschiff und Aufbauten Hellgrau gespritzt. Schlussendlich dann das Unterwasserschiff in Rot. Ich wollte dieses „fabrikneue“ Schiff und den Stolz der chinesischen Marine auch entsprechend darstellen und habe mich daher für dieses Modell komplett gegen eine Alterung entschieden. Dementsprechend wurden einfach alle Flächen sauber lackiert. Dort wo später Abziehbilder aufgebracht werden sollten, kam dann noch eine Schicht Alclad AquaGloss zum Einsatz.

Beim Aufbringen des großen Abziehbilder für das Hubschrauberdeck gab es dann noch eine Schrecksekunde. Am Ende passte jedoch alles und die Abziehbilder ließen sich insgesamt sehr gut verarbeiten. Nun folgte noch die Detailbemalung. Die Antennen scheinen im Original Abdeckungen aus Kunststoff zu haben, die einen deutlich anderen Grauton als der Rest der Aufbauten aufweisen. Außerdem wurden Türen, Decksleuchten und andere kleine Details mit aufgehellter Grundfarbe etwas hervorgehoben. Etwas mühsam wurde es dann nochmal bei den VLS-Startern. Auf jede Abdeckung war ein kleines Dunkelgraues Quadrat zu malen. Mir ist kein Weg eingefallen, das sinnvoll abzukleben, also wurde alles schön mit Pinsel und Lupenbrille von Hand gemalt (es sind insgesamt 112 VLS-Zellen).

Nachdem alle Details bemalt waren, ging es an das Anbringen der Reling. Diese hat Bronco leider vollkommen vergessen (oder sie fehlte in meinem Besprechungsmuster). Ein Arleigh Burke-Bausatz von Trumpeter spendete seine Reling für den Bugbereich. Die Reling für den Mittschiffsbereich und auf dem Hangar entstammt dem Prinz Eugen-Bausatz, ebenfalls von Trumpeter. Es entspricht nicht 100% dem Original, aber der Gesamteindruck passt. Die Sicherheitsnetzte am Hubschrauberdeck sind im Bausatz enthalten. Dieser Zerstörertyp hat erstaunlich viele Stabantennen. Diese liegen als Ätzteile bei, waren mir als solche aber zu grob. Also schnell aus gezogenem Gießast selber welche angefertigt und nach Bauanleitung überall auf dem Modell verteilt. Zum Schluss noch die minimale „Takelage“, bestehend aus ein paar Leinen für Signalflaggen nach Vorbildfotos darstellen. Dazu verwendete ich auch wieder gezogenen Gießast. Für die Flagge habe ich die Abziehbilder beidseitig auf ein Stück Alufolie aufgebracht, sauber ausgeschnitten und schön geformt. Anschließend noch matt lackiert, damit sie nicht so glänzt. Genauso erhielt auch das ganze Modell noch eine Schicht Mattlack, um den Glanzgrad aller Oberflächen wieder zu vereinheitlichen.

Nun wirkte das Hubschrauberdeck aber noch sehr einsam. Also schnell noch einen Z-9 von Trumpeter besorgt, mit eine paar Torpedos Marke Eigenbau und einer Figur aus dem eigenen 3D-Drucker ergänzt und schon gibt es auch hier was fürs Auge.

Fazit

Nun steht die Nanchang in vollem Glanz neben meiner Arleigh Burke in der Vitrine und macht sich dort ganz gut. Mit etwas Eigeninitiative ist aus dem doch recht einfach gehaltenen Bausatz ein sehr ansehnliches Modell geworden. Hätte ich mir den Bausatz gekauft? Vermutlich nicht und ganz sicher nicht für 75 Euro. Aber jetzt wo sie fertig in der Vitrine steht, ist sie auf jeden Fall eine Bereicherung für die Sammlung.

Ingmar Stöhr
IG Allgäuer Modellbau Freunde