General Washingtons Wolfpack
oder Die Geburt der US Navy
Bereits in 1774 machte John Glover, ein Offizier des 21st Marblehead Regiments der Rebellenarmee, den Vorschlag mit kleinen bewaffneten Schiffen den britischen Handelsverkehr vor der amerikanischen Ostküste zu stören und so zu dringend benötigten Waffen, Schießpulver und Munition zu kommen. Spätestens jedoch während der Belagerung von Boston, vom April 1775 bis zum März 1776, wurde es George Washington klar, dass er ohne die Möglichkeit den britischen Nachschub von See her zu unterbinden, kaum siegreich die Belagerung beenden könnte.
John Glover wiederum, einer der ersten „Self Made Men“ in Amerika, unterbreitete Washington wiederholt seine Idee von kleinen bewaffneten Schiffen, um die Briten auf See abzufangen. Glover besaß selbst den kleinen Schooner Hannah mit dem er lukrative Handelsreisen in die Karibik unternahm. Seit 1774 gehörte ihm auch eine kleine Werft in Beverly mit der er seine Schiffe in Schuss halten konnte. In dieser Werft wurde die Hannah in ein Kampfschiff verwandelt. Es gibt wohl eine Liste der beteiligten Handwerker jedoch keine detaillierteren Informationen zu den ausgeführten Arbeiten. Es ist überliefert, dass die Hannah mit vier 4-Pfündern auf Marinelafetten ausgerüstet wurde, ferner ertüchtigte man ihr Schanzkleid für die Aufnahme von 10 halbpfündigen Swivels, kleinen Schanzkleidgeschützen oder Drehbassen. Normalerweise wurde Hannah von sechs Mann gesegelt, für den militärischen Einsatz jedoch waren 36 Mann vorgesehen, rekrutiert vom 21st Marblehead Regiment. Diese Soldaten waren eigentlich voll ausgebildete und erfahrene Seeleute, die nur zeitweilig in der Continental Army an Land dienten. Für diesen erheblichen Mannschaftszuwachs mussten Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden, ebenso wie für den Proviant, mehr Trinkwasser und die erforderliche Munition.
Mit dem Brief vom 2. September 1775 ernennt George Washington Nicolas Broughton zum Kommandanten der Hannah, als ersten Offizier suchte Broughton sich den 20-jährigen Sohn John Glovers aus, John junior. Dieser Brief mit der Berufung Broughtons zum „Captain in the Army of the United Colonies of North America“ ist überliefert und enthält genaueste Order für seinen Empfänger. Durch diesen Brief wird die Hannah offiziell zum ersten bewaffneten Schiff der 13 Kolonien. Quasi dem Embryo der US Navy.
Bereits am fünften September 1775 lief die Hannah zu ihrer ersten Feindfahrt aus, zwei Tage später ergeht ein erster Bericht an Washington, der beschreibt das Hannah britischen Kriegsschiffen auswich und zweimal nach Cape Ann flüchtete und dass sie die Unity kaperte und unter Prisencrew nach Cape Ann Harbor schickte. Dieser Erfolg ließ Washington weitere Schoner mit Kanonen ausrüsten, so dass im Herbst 1775 bis in den Sommer 1776 Rudel mit bis zu fünf Schiffen den britischen Handel an der Ostküste störten.
Die Briten freilich schauten sich das nicht lange an und sandten die HMS Nautilus von 314 tons und mit 16 6-Pfündern bewaffnet aus, um die Hannah zu stellen. Die Nautilus aber fuhr sich nach kurzer Jagd auf einer Sandbank fest – die Marblehead Men hatten die bessere Ortskenntnis – und Hannah entkam. Über vier Stunden wurde Nautilus vom Ufer aus beschossen ohne sich wegen ihrer Schräglage wehren zu können, erst dann kam sie durch die steigende Flut wieder frei.
Washington ließ weitere Schiffe requirieren, die amerikanischen Werften in der Hand der Rebellen waren noch nicht leistungsfähig genug, um größere Einheiten vom Stapel zu lassen. Die berühmten Fregatten Randolph, Hancock, Raleigh, Alliance und Ranger wurden erst auf Kiel gelegt als die Karrieren der kleinen Schoner bereits fast vorbei waren. Aber auch hier gab es erfolgreiche Schiffe und Mannschaften, die Schooner Lynch, Warren, Lee, Washington, Harrison sowie Hannah, Baltick und Franklin brachten 55 britische Transporter auf und konnten so viele kriegswichtige Güter an die Continental Army übergeben. John Manley mit der Franklin kaperte die Little Hannah, die u. a. ein Fass mit Orangen transportierte, die jetzt statt bei Lord Howe auf Washingtons Frühstückstisch landeten.
Die Hannah
Über den kleinen Schoner ist nicht viel bekannt. Es gibt keine zeitgenössischen Bilder oder gar Pläne der Hannah. Nahezu jedes Modell des Schiffes basiert auf den Plänen von Harold M. Hahn, einem amerikanischen Marinehistoriker und Schiffsmodellbauer. Hahns Pläne wiederum entstanden auf der sehr dünnen Aktenlage zu den Umbauten ab dem 1. August 1775, eben der Bewaffnung und weiterer Ausbauten. Vermessen wurde Hannah zu max 78 tons, andere Angaben nennen 70 tons und weniger. Die Rekonstruktion der Takelage erfolgte wohl anhand der von Paul Revere (!) hergestellten Stiche des Bostoner Hafens. Die Stiche zeigen mehrere Fahrzeuge in der Art wie Hannah und ihren Companions mit wenig unterschiedlichen Riggs. Hannah war etwa 55‘ lang (16 – 17 m) und konnte mindestens fünf, jedoch auch bis zu sechs Segel setzen, möglicherweise noch vier weitere Leesegel und vielleicht sogar noch ein Tuch am Schonerstag. Schiffe dieser Größe wurden mit einer Pinne(Tiller) gesteuert, es gibt Rekonstruktionen, die das Schiff mit bis zu sechs Riemenpaaren an Bord zeigen. Unwahrscheinlich ist dies nicht – an den bewaldeten Küsten wird es häufig passiert sein, dass diese Schiffe in Windschatten gerieten. Ihre Stammbesatzung waren sechs Mann, für den militärischen Einsatz wurde die Kru um das sechsfache verstärkt.
Baltick und Franklin
Von der Baltick existiert wohl nur eine Gravur auf einem Pulverhorn. John F. Millar schreibt ihr ein große Ähnlichkeit mit der Hannah zu. Dies mag richtig sein, hat man die Marblehead Schoner doch in größeren Stückzahlen gebaut. James Cooks erstes Kommando in der Royal Navy war auch ein solches Fahrzeug.
Wenige Wochen nach der Hannah wurde die Franklin in Dienst gestellt. Die ehemalige Eliza wurde ähnlich der Hannah ausgerüstet, von den drei Schonern hier war Franklin der kleinste, auch war Franklin ausschließlich mit Schratsegeln an Pfahlmasten ausgestattet.
Das Modell
Modell: Drei Schoner
Hersteller: Scratch
Maßstab: 1:350
Material: Holz: Balsa, Ramin, Buchs, Kiefer; Messing, Polystyrol
Allein um die Vorzüge und Nachteile der unterschiedlichen Materialien für mich zu beurteilen, baute ich Hannah und Baltick aus Holz, hier aus einem Brett Stechpalme (Ilex aquifolium), im Englischen „Hollywood“, den Rumpf der Franklin aus Polystyrolplatten in Brot-und-Butter Bauweise. Beides hatte ich in ausreichenden Mengen zur Verfügung. Ilex ist ein sehr hartes und dichtes Holz das gut Farben annimmt. Polystyrol ist hier weitestgehend bekannt. Beide Materialien haben ihre Vor- und Nachteile.
Die Umrisse der Schiffe wurden aus Hahns Plänen heraus verkleinert und auf ein Holzbrett übertragen bzw der Decksriss ausgeschnitten und auf das Brett geklebt. Unter ständiger Kontrolle mit Spantschablonen sägte und schliff ich die Rümpfe in ihre Form. Um die kleinen Rümpfe bei den groberen Arbeiten händelbarer zu halten, ließ ich ein großes Stück des Ilexbrettes am Heck, quasi als Handhabe, sägte das Stück erst ab als der Rumpf fertig zugeschliffen war. Am Rumpf erwies sich der Heckbereich aufgrund der stark konkaven Bereiche als am Schwierigsten zu bearbeiten. Zum Anbau der Schanzkleider schnitt ich eine etwa einen Millimeter tiefe und breite Falz in die Außenkante des Decks. Hannah und Baltick baute ich nahezu parallel. Beide Schiffe unterscheiden sich nur wenig – am auffälligsten sind die Unterschiede in der Takelung.











































Der nächste Schritt war das Aufleimen der Decksplanken aus einem selbstklebenden Furnier, gefolgt von den dünnen Brettchen für das Schanzkleid. Nach dem Einschneiden der Stückpforten verspachtelte und schliff ich die Rümpfe um alle Fugen zu glätten. Binnenbords klebte ich die Spantköpfe resp. Relingstützen aus dünnen Leisten auf das Schanzkleid zunächst mit etwas Überstand der später mit auf der Reling aufgelegtem Seitenschneider getrimmt wurde. Der Schandeckel (auch Relingleiste oder -deckel) entstand aus Bristolkarton, dieser lässt sich besser in den richtigen Kurven schneiden und ankleben. Jetzt fügte ich auch die Rüstbretter für die Wanten in kleine vorbereitete Schlitze im Rumpf ein.
Der Vorsteven entstand als einzelnes Bauteil aus einem Mahagonibrettchen. Da die Rümpfe bemalt werden, ist die Unterschiedlichkeit der verwendeten Hölzer in Farbe und Textur unerheblich.
Die Decksausrüstung ist bis auf den Bratspill relativ einfach herzustellen. Niedergänge, Kompassschrank und Ladeluken sind eher einfache geometrische Körper, der Bratspill mit den geschwungenen Seitenwangen und der doppeltkonischen Welle ist da etwas komplizierter. Die Nagelbänke um den Großmast bestehen aus drei Leisten – zunächst überlang gebaut und ähnlich den Relingstützen später erst auf die korrekte Länge getrimmt. Die Ruderpinne ist ein einfaches Holzstäbchen am Heck. Die Barkhölzer sowie die vertikalen Verstärkungen für die Swivels entstanden mit der erprobten Methode aus lackiertem Abklebeband: Auf eine Glasscheibe aufgeklebtes Klebeband wird (auch kurvig) in Streifen geschnitten und farbig gefasst, hier nur schwarz/teerschwarz. Diese Streifen werden mit einer Pinzette vom Glas abgehoben, auf dem Modell ausgerichtet und angedrückt. Eine Fixierung mit mattem Klarlack über alles hält die „Barkhölzer“ an Ort und Stelle.
Alle drei Rümpfe sind bis etwa 2 mm unter der Wasserlinie dargestellt.
Als Bewaffnung wollte ich zuerst Kanonen aus meinem reichen Fundus nehmen. Die waren jedoch alle zu groß. Also neue Kanönchen bauen. Aus einem einfachen, quadratischen Plastikprofil und einem dünnen Styrolrundstab entstanden schnell die insgesamt zwölf 4-Pfünder und noch einfacher die Swivels ebenfalls aus einem Plastikrundstab. Da die kleinen Ballermänner von Bedienungspersonal umringt sind fällt nicht auf, dass sie keine Räder haben…
Die ersten Takelagenteile waren der Bugspriet mit seiner Laschung am Steven. Die beiden Schiffskörper mit dem Bugspriet bezeichneten die Clubkameraden als „die letzten Einhörner“. Tatsächlich fühlte man sich ein wenig an Narwale erinnert.
Die Schonertakelung ist relativ einfach. Die zwei Masten werden von drei Stagen und vier Pardunen plus sechs Wantpaaren gestützt, die Bedienungsseile für die Segel (das „laufende Rigg“) halten sich auch in überschaubaren Grenzen. Masten und Stengen entstanden aus Ramin und Bux, die Leistchen für die Salinge aus einer feinmaserigen Kiefernleiste. Die Verklebung der vier dünnen Leisten pro Saling erforderte etwas Geduld, alle anderen Masten, Stengen, Bäume und Rahen waren schnell mit dem Proxxon Bohrschleifer hergestellt. Hannah und Baltick bekamen noch einen Klüverbaum der mit schmalen Papierstreifen am Bugspriet befestigt wurde. Bugspriet und Klüverbaum sind mit Wasserstag und Baumgeien verstagt.
Die Mastringe für das Vorliek der Gaffelsegel sind kleine brünierte Messingringe die ich vor dem Einsetzen der Masten aufsteckte. Überhaupt waren die Masten vollständig getakelt bevor sie auf die Schiffchen kamen. Das erleichtert die Arbeiten an den dünnen Spieren erheblich.
Die Segel entstanden aus bewährtem Japanpapier (senkwa zu 40 g/qm), alle Nähte der Kleider und anderer Applikationen, auch die Reffbändsel zeichnete ich mit einem spitzen Fallminenstift auf das Papier. Den Segelriss konstruierte ich aus den Hahn-Plänen und den fertigen Spieren. Die Wölbung der Segel erzeugte ich auf mit Cellophan isolierten Plastillinballen: Das in Weissleim-Wasser Gemisch (etwa 1 zu 5) eingeweichte Segel wird auf dem mit der Wölbung geformten Plastillinballen mit einem Leinentuch fixiert und trocknen gelassen – kann man mit einem Fön beschleunigen… Meist ließen sich die Segel einfach aus dem Tuch entfernen, auf dem Tisch liegend können jetzt die Rahen, Bäume, Schoten, Geitaue etc an den kleinen Segeln befestigt werden.
Einen besonderen Spaß bereiteten die Flaggen der Schiffchen. Das revolutionäre Amerika hatte 1776 noch keine eigene einheitliche Nationalflagge, es wurden ganz unterschiedliche Ensigns gesetzt, durchaus auch mit Bezug zur Flagge des britischen Mutterlandes. Aus dieser Zeit ist die gern von den Rebellen benutzte „Pine Tree Flag“, einer Weymouthkiefer und der Spruch „An Appeal to Heaven“ auf weißem Grund überliefert – ohne Sterne und Streifen. Die klassische „Stars and Stripes“ hatte ihre Anfänge ab Juni 1777 mit der Hopkinson Flag, 13 Streifen für die Rebellenstaaten in rot und weiß und 13 sechszackigen Sternen in der Gösch. Die Beflaggung entstand auf Orangenwickelpapier, den Schriftzug freilich konnte ich nicht lesbar schreiben – das wäre ein Job für die Decaldrucker...
Hannah hat zusätzlich Glovers Hausflagge gesetzt, ein blauer Diamant auf weißem Grund – ich erlaube mir die künstlerische Freiheit und setze sie als Kommandowimpel am Großmast.
Auffällig ist das achterliche Auswehen der Flaggen, welches häufig als völlig falsch angesprochen wird. Dem ist mitnichten so. Bei hoch am Wind segelnden, schratgetakelten Schiffen wehen die Flaggen nach achtern aus. Denn der Wind kommt auch bei Rahseglern nicht immer nur von hinten und „schiebt“ das Schiff. Hinzu kommt bei Gaffelsegeln der aerodynamische Effekt des vorbei streichenden Windes. Viele Bilder im Netz bezeugen diesen Umstand.
Der Rumpf der Franklin entstand aus übereinander geklebten Polystyrolscheiben(Brot und Butter) die schon grob zugeschnitten waren. Der Kunststoff ließ sich deutlich schwieriger bearbeiten als die Holzrümpfe. Das Deck der Franklin erhielt aber auch eine Beplankung aus dem selbstklebenden Furnier, alles weitere wie Reling und Decksausrüstung entstand aus Plastikprofilen. Die Takelage der Franklin ist etwas einfacher als die der anderen beiden Schiffe, mit nur drei Segeln an Pfahlmasten ohne Stengen entstand sie gleich dem Rigg von Hannah und Baltick. Insgesamt war die Franklin das kleinste der drei Schiffe, unter John Manley als Kapitän aber auch sehr erfolgreich.



















Die Kru
Die kleinen Figuren waren eigentlich für modernere Schiffe vorgesehen, aber bemalt und aufgestellt kann man kaum feinere Details erkennen. Die Männlein kamen, wie die von Jens Bartels gedruckten Beiboote, erst zum Schluss auf die Schiffe. Meist in weiß gehalten, der zweckmäßigen Kleidung der Seeleute aus Segeltuch nachempfunden, eine standardisierte Uniform der Rebellentruppen war noch nicht wirklich etabliert. Auf jedem Schoner sind 20 Mann aufgestellt.
Das Meer
Den Westatlantik vor Boston formte ich mit dem ebenfalls bewährten Balsaholz. Die etwas grobere Atlantikdünung schnitt ich mit einem größeren Hohlbeitel, kleinere Wellen mit einem kleinen Beitel und Kugelfräsern auf dem Proxxon Schleifer. Nach der Grundierung mit weiß erfolgt die lasierend aufgetragene Farbfassung von hell nach dunkel in vier Blautönen mit Amsterdam Acrylfarben. Der glänzende Abschluss erfolgt durch Watergel transparent von AK, weisse Schaumkronen, Bugwellen und Hecksee mit weißer Farbe und kleinen Tupfern AK Snow.












Das Diorama
Die Szene ist ein wenig an ein Gemälde von Geoff Hunt angelehnt. Dieser verwendete wohl auch als erster den Begriff „Wolfpack“ - Wolfsrudel - für Washingtons kleine Flotille. Die Namensschilder, gelasertes Messingblech in Holzrähmchen, fertigte Marco Jacobs. Gar nicht so einfach – sollten die Namensschilder doch nicht größer sein wie die Modelle selbst. Eine Glashaube als Staubschutz wird noch folgen.
Der kleine Maßstab macht Spaß, auch der Eigenbau weitgehend aus dem Nichts ist eine schöne Herausforderung und eröffnet eine Welt weit über die verfügbaren Bausätze hinaus.
Besonders interessant war die Recherche nach den Ursprüngen der heute wohl größten und mächtigsten Marine der Welt – vom kleinen Handelsschoner zum gigantischen Flugzeugträger in 250 Jahren. Die Geschichte von den Anfängen der amerikanischen Marine in der Continental Army liest sich wie ein spannender Abenteuerroman.
Quellen
- John F. Millar: American Ships of the Colonial and Revolutionary Period.
- Harold M. Hahn: The Colonial Schooner 1763 – 1775
- Charles G. Davis: American Ships. Their Plans and their History
- Wikipedia: Pine Tree Flag, 21st Marblehead Regiment
Frank Brüninghaus
Modellbauclub Koblenz





