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Tyrone G. Martin - A most fortunate Ship Drucken
Samstag, 02. Juni 2007 um 15:33



Titel: A most fortunate Ship - a narrative history of Old Ironside
Autor: Tyrone G. Martin
Sprache: Englisch
Verlag: Naval Institute Press,U.S.; Rev. Ed., 1st Naval Institute Press Pbk. Ed edition (May 2003)
ISBN: 1-59114-513-9
Preis: ca. 22,90 - mit Paperbackeinband

Beschreibung:


Der Untertitel von T. Martin´s Buch "a narrative history of Old Ironside" sagt schon das Wesentliche. Dieses Buch ist die überarbeitete Fassung des zunächst 1980 erschienen Buches in dem die Geschichte der USS Constitution "erzählt" wird - von den ersten Ideen zur Notwendigkeit einer eigenen US-amerikanischen Flotte, über die Entwürfe des Schiffsbauers J. Humphrey, den mühsamen Stapellauf, die Erlebnisse im "Quasi-Krieg" gegen Frankreich, den "Tripolian-War" oder "Barbary-War" gegen "Piraten" (Anm. des Autors: wie würden wohl die Moslems diese Kämpfer bezeichnen?) Nordafrikas, die berühmten Gefechte im Krieg 1812 gegen Großbritannien, in denen "Old Ironside" sich ihren Spitznamen verdiente, über die Zeiten als Präsentationsobjekt hinweg - bis zum Jubiläum, dem 200ten Jahrestag ihres Stapellaufes.
Das Buch ist keine tabellarische Sammlung von Geschichtsdaten und Zahlen. Die Historie wird in 21 Kapiteln und in gut verständlichem Englisch sehr farbig und abwechslungsreich erzählt. Dabei geht der Autor auf die "Erlebnisse" des Schiffes ein, schildert die Schicksale der daran Teilnehmenden - deren Verdienste, aber auch deren Verfehlungen, blickt auch auf "dunkle Tage" des fast Vergessens zurück und erläutert hier und da die Beschreibungen mit Gemälden, Zeichnungen, Skizzen und - für die spätere Zeit - auch mit Photos.
Da T. Martin während der letzten Restauration bis 1976 (zur 200-Jahresfeier der USA) der kommandierende Kapitän des Schiffes war und die Aufbauarbeiten mitorganisierte, hatte er ausreichend Gelegenheit sich alle verfügbaren Unterlagen bzgl. des Schiffes im Marinestützpunkt Boston (wo das Schiff vom Stapel lief und die meiste Zeit seinen Heimathafen hatte, und noch heute hat), aber auch in den Museen der Stadt und des Landes anzusehen und zu studieren. Seine Bibliographie ist unglaublich umfangreich, wobei das Logbuch des Schiffes und unendlich viele Briefe zwischen Beteiligten der Geschichte des Schiffes auffallen. T. Martin gilt als DER lebende Experte des Schiffes.
Im Vorwort beschreibt der Autor, dass er - nachdem die erste Auflage des Buches verbreitet war - von Lesern über weiter Quellen zur Geschichte des Schiffes informiert wurde, so dass er z. B. einige der Gefechte "editieren" musste, da sich die von den Kapitänen und offiziellen Stellen verbreiteten (und von Martin 1980 zunächst noch übernommenen) Versionen doch z. T. deutlich von denen der einfachen Matrosen und auch der Gegner unterschieden. So beschreibt T. Martin gerade die "glorreichen" Gefechte gegen (meist unterlegenen) britische Fregatten durchaus - und das ist für einen Amerikaner ungewöhnlich - kritisch. Im einen Fall läßt er klar erkennen, dass er den Ausgang des Gefechtes für pures Glück hält (Bainbridge gegen die HMS Java), im andern Fall legt er dar, dass die beiden britischen Kontrahenten - obwohl zu zweit - gegen das übermächtige Schiff mit seiner schweren und weitreichenden Bewaffung und seiner gut trainierten Besatzung unter den gegebenen Umständen keine Chance hatten (Steward gegen die HMS Cyane und die HMS Levante).
Hier ein paar Impressionen aus dem Buch:



Eine Darstellung der Constitution VOR den berühmten Gefechten. Gemalt von Corné um 1803 ist der noch nicht durch eine Feste Reling geschützte Vorbau und die fehlenden Geschützpfortendeckel (die damals wohl zweigeteilt und herausnehmbar waren) zu erkennen. Es gilt als das erste - relativ präzise - Abbild des Schiffes.



Hier Skizzen zu den wohl genialen Querverstrebungen, die Humphrey von vornherein für die großen Fregatten vorgesehen hatte. Sie sollten das schnelle Unterwasserschiff der Franzosen mit der Hochseefestigkeit der britischen Schiffe verbinden - und gleichzeitig länger (und damit schneller) und schwerer (und damit besser bewaffnet) sein. Damit sollten sie allen Fregatten und vergleichbaren Schiffen in Bewaffnung überlegen und vergleichbar seetüchtig sein. Den schweren Linienschiffen aber sollte sie vor allem durch die überlegenen Segeleigenschaften voraus sein, um entweder in bessere Schusspositionen zu kommen oder aber sicher zu entkommen. Dass die Briten nach den überraschenden Niederlagen gegen die "Connie" überaschend schnell ebenfalls Fregatten vergleichbarer Größe bauten - gerade zur Jagd auf die neue amerikanische Herausforderungen - belegt, dass die erfahrene britische Admiralität die Genialität des damals schon über 15 Jahre alten Entwurfes jetzt durchaus anerkannte.



Hier ein Bild des Cmd. Isaac Hull (nachdem auch das "Hull-Modell" von 1812 im Pebody-Essex-Museum benannt ist), der mit der Constitution zu Beginn des Krieges 1812 die "Great Chase" gegen ein zahlenmäßig überlegenes britisches Geschwader "gewann" und entkommen konnte - und wenig später den ersten großen Sieg über eine britische Fregatte, die HMS Guerrieres mit ihrem Kapitän James Dacres, erkämpfte. Nur wenige Monate später hätte James Dacres fast die Gelegenheit gehabt, den - für ihn einfach nur unglücklichen Kampf - erneut ausfechten zu dürfen, als er mit seinem neuen Schiff von Handelsschiffen erfahren muss, dass die USS Constitution in seiner Nähe zwischen Gibraltar und den Azoren auf Jagd ist. Zu seinem Pech trafen das amerikanische Schiff aber "nur" die Cyane und Levante. Er durfte keine Wiederauflage "seines" Kampfes erleben.
Nebenbei wird im Buch auch immer wieder das Erscheinungsbild des Schiffes beleuchtet. So ist z. B. äußerst interessant, dass Kapitän Hull während der "Great Chase" in die achterliche Reling Ausbrüche sägen ließ (wie im Film "Master und Commander"), damit er auf dem Oberdeck zwei Kanonen auf die Verfolger ausrichten konnte. Auch in seiner Kapitänskajüte waren Umbauten notwendig, damit zwei "Long Guns" nach hinten auf den Feind schießen konnten. Erst bei der Beseitung der Schäden des ersten großen Gefechtes wurden reguläre Stückpforten nach achtern installiert. Davor hatte man wohl mit keiner "Flucht" des Schiffes gerechnet?



Hier eine Darstellung des Gefechtes gegen die oben erwähnte HMS Cyane und HMS Levante. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass die amerikanische Fregatte bei diesem Gefecht z. T. durch Nebel und Pulverdampf begünstigt war, da sie aus dem Nebel auf jedes der Schiffe in der Nachbarschaft schießen konnte, während die Briten z. T. nicht erkennen konnten, welches Schiff - Freund oder Feind? - aus dem Dunst auftauchte. Diesen Sachverhalt erwähnt Martin allerdings so nicht.



Hier eine Skizze zu einer skurrile Anektode: nach dem Krieg 1812 wurden vom Marineministerium tatsächlich Versuche mit - bei Bedarf montierbaren - Hilfsschaufelrädern, die über die Manschaft am Spill angetrieben wurden, durchgeführt. Die Räder, die anfangs auch noch zu klein waren und nicht effektiv ins Wasser reichten, wurden später auf der nächsten Reise ins Mittelmeer auf Madeira "entsorgt".



Dieses traurige Photo zeigt den Stolz der amerikanischen Marine in der Zeit zwischen 1882 und 1888, als die Connie bis ca. 1905 als Recievingship "diente".



Hier ein Photo nach der letzten Restaurierung, die 1976 zum 200ten Jahres der Vereinigten Staaten endeten. Es sind zwei der wieder eingefügten Querverstrebungen zu sehen, der das Schiff einen Teil seiner legendären Steifigkeit und Stabilität verdankt.



Zuletzt noch ein Blick in das Quellenverzeichnis von Tyrone Martin. Es sind unglaublich viele Dokumente, deren Inhalt er über Jahre hinweg studiert haben muss.

Fazit:


Das Buch ist eine sehr spannende und - obwohl englisch - leicht zu lesende Lektüre, die man kaum aus der Hand legen möchte. Es gibt einen sehr umfassenden Einblick in das Schicksal des Schiffes, seiner Besatzung und der damaligen Zeit. Dabei spricht Martin vielerlei Aspekte an: vom Schicksal einfacher Matrosen (deren Bestrafungen, Desertionen, den ersten Toten durch Unfälle und Gefechte, etc.), über die Kommandanten und Offiziere, aber auch die politischen und kulturellen Strömungen und Stimmungen um das Schiff ... Wer sich für die "moderneren" Segler noch vor der Epoche des Dampfes interessiert und seinen Blick vom britisch-kontinentalen napoleonischen Konflikt etwas ablenken will, findet hier reichlich Lese- und Studierstoff.
Dem Modellbauer bieten sich hier - allerdings in loser Folge zu suchende - Beschreibungen des Schiffes durch die verschiedenen Epochen. Wer hat wann was warum umgebaut? Wenn natürlich auch nicht jeder Umbau dokumentiert ist: für viele wesentliche Charakteristika gibt es Anhaltspunkte.
Ein phantastisches Buch für den USS-Constitution-Fan

Marcus Koch