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Revell: englische Galeone (Man O'War) (1/96) Drucken
Mittwoch, 18. März 2020 um 06:00

Man O'War Deckelbild

Modell: English Man O'War
Hersteller: Revell
Maßstab: 1/96 nach Herstellerangabe, eher 1/72
Material: Plastikbausatz, Abziehbilder
Art.Nr.: 05429
Preis: 99,99 ‚ā¨

Das Original

Fast jeder kennt die Galeonen aus der Abenteuerliteratur, sind sie doch der Inbegriff f√ľr die schwimmenden Vehikel der Piraten oder vieler anderer abenteuerlustiger Kapit√§ne. Kaum jemand kann jedoch eine Galeone beschreiben. Dies bleibt auch tats√§chlich schwierig, wenn man sie nicht an wenigen ihrer hervorstechenden Merkmale festmachen will. Klassisch sind dabei das ausgesprochen hohe Achterkastell, die ebenfalls sehr hohe Back mit ihrer √ľppig bunten Bemalung und das spitze Galion. In den verschiedenen L√§ndern wurden recht unterschiedliche Galeonen entwickelt, in ihrem Erscheinungsbild hatten sie jedoch gro√üe √Ąhnlichkeit.

Insbesondere aus England ist eine geradezu wissenschaftliche Entwicklung des Schiffbaues in der Sp√§trenaissance bis zum Fr√ľhbarock bekannt. Allen voran galten die Dokumente von Matthew Baker ‚Äď ‚ÄěFragment of Ancient Shipwrightry‚Äú ‚Äď f√ľr fast hundert Jahre als wegweisend. Seine Kombination von kleineren, wendigen und mit weit tragenden Gesch√ľtzen ausger√ľsteten Schiffe, erarbeitet mit erfahrenen Seeleuten wie Drake, Hawkins und Frobisher, verhalf den Engl√§ndern zum Sieg √ľber die ‚ÄěUn√ľberwindliche Armada‚Äú Phillips II. von Spanien.

Die meisten Galeonen sind durch Bilder √ľberliefert, es gibt einige wenige Originalmodelle, aber meines Wissens kein dokumentiertes Wrack. Die wohl ber√ľhmtesten Galeonen, Drakes Golden Hind und die Mayflower, sind beides Rekonstruktionen aus dem 20. Jahrhundert. Einzig die Revenge, auch zeitweise Drakes Flaggschiff, k√∂nnte aus Bakers Feder stammen. Es ist also m√ľ√üig, f√ľr das vorliegende Modell nach einem Original zu suchen ‚Äď man wird keines finden, au√üer vielleicht in einem alten Piratenfilm...

Das Revell Modell ist ein Sammelsurium von √ľberlieferten Fakten und fantastischen Ideen zum Thema Galeonen. Objektiv betrachtet gleicht dieses Modell jedoch am ehesten den schweren Galeonen der Spanier, die als bauchige Handelsschiffe das Gold S√ľdamerikas nach Europa brachten, und weniger den geradezu legend√§ren, schnellen und wendigen Galeonen der Engl√§nder. Aber in diesem Fall soll man nicht kleinlich sein, auch ein gekapertes, gekauftes oder gechartertes Schiff kann als ‚ÄěMan O'War‚Äú in Englands glorreicher Flotte gedient haben. Beispiele daf√ľr gibt es einige.

Bei den alten Auflagen der Segelschiffbaus√§tze war immer ein kurzer Abriss der Schiffsgeschichte auf dem Karton und, etwas ausf√ľhrlicher, auf der ersten Seite der Bauanleitung. Will man die didaktische Komponente dieses sch√∂nen Hobbys n√§her betrachten, so ist es eine echte L√ľcke, dass die Geschichte der Bausatzobjekte nicht mehr abgedruckt ist.

Der Bausatz

Als kleiner Junge, ich war vielleicht zehn oder zw√∂lf Jahre alt, sah ich den gro√üen, bunten Bausatzkarton mit der Galeone unter vollen Segeln das erste Mal. Schon zutiefst begeistert von Piratengeschichten ‚Äď allen voran Tom Sawyers Vorstellungen ‚Äď wollte ich dieses Schiff gern haben. Ich h√§tte das Modell v√∂llig versaut. Nach wie vor halte ich Galeonen f√ľr die sch√∂nsten Fahrzeuge, welche die Schiffbaukunst hervorgebracht hat.

Bereits der erste Blick auf das Deckelbild l√§sst die alte ‚ÄěSpanische Galeone‚Äú von Revell wiedererkennen. Nach kurzer Recherche kam heraus, das es in den Siebzigern auch eine gro√üe englische Galeone als Man O'War gab. Lustig dabei, als der Bausatz wirklich neu war, stand es nicht extra drauf. Lediglich die Boxart wurde ge√§ndert. Mal ist das fertige Modell auf dem Karton, dann ein gemaltes Bild¬†‚Äď √ľbrigens die gleiche Szene wie die jetzige Wiederauflage.

Mit nur wenigen Veränderungen wurde damals aus dem Spanier ein Engländer: Löwenkopf am Galion statt Adlerkopf und einem Bonaventurmast, das Großsegel mit Elizabeths I. Initialen und Tudorflaggen, zack ist der Papistenkahn konvertiert. Ansonsten alles beim Alten. Deshalb aber nicht weniger schön oder weniger interessant, ganz im Gegenteil.

Das Modell kommt in einem gro√üen St√ľlpdeckelkarton mit sch√∂nem Deckelbild daher. Es zeigt das angreifende Kriegsschiff unter vollen Segeln von steuerbord vorn. Die gro√üen Spritzrahmen liegen in einer Klarsichtplastikt√ľte, ebenso die separat verpackten 40 Figuren sowie Flaggen und Abziehbilder. F√ľr diese Besprechung mussten die Rahmen nat√ľrlich aus der T√ľte genommen werden, bereits hierbei verhakten sich Teile miteinander und einige Belegn√§gel brachen ab. Eigentlich nicht weiter schlimm, sind eben diese Teile ohnehin zu schwach um den Zug der Taue aufzunehmen. Sicherlich w√ľrde aber Abteilung X auch f√ľr Ersatz sorgen. Dennoch ein Grund, vielleicht insgesamt √ľber die Verpackung solch gro√üer Plastikbaus√§tze nachzudenken.

F√ľr die Takelage liegen drei Rollen naturfarbenes Garn, eine Rolle schwarzes Garn und zwei Sternspulen mit Garn in zwei Farben bei.

Der Bausatz hat eine Menge Potenzial, selbst aus dem Kasten gebaut wird daraus ein imposanter Zimmerschmuck. Erstaunlich ist das geringe Vorkommen von Fischhaut oder Formversatz bei dem alten Bausatz. Dennoch ist bei einigen Teilen vor dem Bemalen ein wenig Verputzen notwendig. Die in zwei verschiedenen Braunt√∂nen gespritzten Plastikteile haben vielfach eine fein erhabene Holzmaserung; eigentlich ja Quatsch, denn Schiffsw√§nde, Decks und andere Holzteile waren relativ glatt und die Maserung des Holzes an nicht bemalten Stellen zwar sichtbar, aber nicht erhaben. Diese Holzstruktur ist letztendlich nur hilfreich bei einer holz√§hnlichen Bemalung. An den Plankenst√∂√üen sind sogar Nagelk√∂pfe als kleine Kringel dargestellt. Auch die kann man nat√ľrlich diskutieren, haben doch die meisten Holzschiffe, egal welcher Epoche, einen wie auch immer gearteten Schutzanstrich der eine Nagelung nahezu unsichtbar macht.

Mehrere Fensteröffnungen mit rautenförmigen Fenstergittern im Achterkastell sind leider geschlossen dargestellt. Hier bietet es sich an, die Fenster zu öffnen und mit geätztem Messinggitter aus dem Zubehörmarkt oder selbst gebauten Gittern zu versehen.

Ein Thema f√ľr sich ist die Ma√üstabsangabe von Revell. Schon andere Modellbauer verwiesen darauf, dass wahrscheinlich eine Angabe von 1/72 zutreffender w√§re. Zieht man aber zum Vergleich und zur Ermittlung eines genaueren Ma√üstabes die Ma√üe zweier englischer Schiffe derselben Epoche heran, kommt man der Sache vielleicht n√§her. Das Modell hat im Kiel eine L√§nge von 32 cm. Das erste vergleichbare Schiff, die Warspite, hatte eine L√§nge im Kiel von 99 Fu√ü oder 30,1 Meter, ihre Breite ma√ü 36 Fu√ü oder 10,9 Meter. Der Ma√üstab w√§re hier also ziemlich korrekt angegeben. Die Warspite hatte eine Verdr√§ngung von 680 Tonnen und eine Besatzung von etwa 300 Mann. Die Elisabeth Bonaventure war mit 80 Fu√ü (24,4 m) im Kiel etwas kleiner. Nimmt man diese L√§nge als Vorbild, so l√§uft es auf ein Verkleinerungsverh√§ltnis von 1/76 heraus. Schlussendlich wird der Ma√üstab irgendwo dazwischen liegen.

Dies ist insofern schade, weil das Modell geradezu nach einer Besatzung aus bunten Pikenieren, Bogensch√ľtzen, Musketieren und Matrosen schreit. Figuren gibt es viele am Markt, nur passen sie leider nicht wirklich zu diesem Ma√üstab. Ich w√ľrde aber einfach mal ausprobieren, vielleicht passen die Proportionen doch. Denn die vierzig beiliegenden M√§nnlein in f√ľnf (!) Positionen sind ein bisschen zu wenig.

Die insgesamt zwanzig zusammenzubauende Kanonen bestehen pro St√ľck aus drei Teilen, zwei Rohrh√§lften und der zweir√§drigen Lafette. Auch hier kann der versierte Modellbauer nachbessern, verf√ľgten doch die Schiffe in dieser Zeit keineswegs √ľber eine derart homogene Best√ľckung wie die Kriegsschiffe wenige Dekaden sp√§ter. Neben den beiliegenden Lafetten waren Galeonen mit einer Vielzahl unterschiedlichster Gesch√ľtztypen und -kaliber ausger√ľstet. Selbst unber√§derte Blocklafetten wurden in der Armadaschlacht noch gefahren.

Das Beiboot ist h√ľbsch gestaltet, aber f√ľr ein Schiff dieser Gr√∂√üe eigentlich zu klein. Auch hier bietet der Markt Hilfen zur Erg√§nzung oder dem Austausch. Der Cathead, der Kranbalken f√ľr den Anker, ist als einfaches Kantholz einzukleben. Zwingend notwendig ist ein unterst√ľtzendes Knie an den Seiten der Back.

Masten und Takelage sind, wie bei Plastikmodellen √ľblich, eigentlich zu d√ľnn und unvollst√§ndig. Bei relativ einfacher Gestaltung sollten die Masten und Stengen gegen Holzteile ausgetauscht werden, die Plastikspieren verziehen sich ganz sicher bei geringstem Zug. Auch lohnt sich ein Blick in die Fachliteratur, um so wichtige Takelagendetails wie die Bulinen (zum Vorholen des Luvlieks), Nock- und Buggordings sowie Halsen, Hahnepoten und weitere Pardunen und Wanten darzustellen. Denn gerade in dieser Epoche standen die Schiffbauer/Takler kurz vor dem H√∂hepunkt ihrer Kunst ‚Äď hatten die gro√üen Segler in dieser Zeit bereits 12 und mehr Wantpaare kommt Revells Man O'War mit ganzen f√ľnf aus‚Ķ Bei diesen Masth√∂hen eindeutig zu wenig.

Die tiefgezogenen Plastiksegel sind leicht strukturiert, Kleiders√§ume der Segel, Bonnets und kleine Falten an den Schoth√∂rnern runden das Bild ab. Ob man sie verwendet, ist dem Modellbauer √ľberlassen.

Die Wanten sind in schwarzem Plastik gespritzt, auch hier bietet es sich an, sie aus Garn selbst zu kn√ľpfen.

Die Anleitung

In der seit einigen Jahren √ľblichen Manier farbig in Heftform gestaltet, ist der Bauplan einfach und √ľbersichtlich. Die Titelseite ziert ein gebautes Modell der Galeone mit dem Hinweis auf einen beiliegenden Sicherheitstext, auf den folgenden Seiten kommen die obligaten Basteltipps, eine Farbliste f√ľr das sehr bunte Schiff, die √ľppige Teile√ľbersicht und der Hinweis auf die Ersatzteilversorgung durch die sehr schnelle und freundliche Abteilung X. Ab Seite 12 geht es dann mit dem Bastelvergn√ľgen los. Zuerst werden bis Seite 23 Rumpf und Deck zusammengef√ľgt und bemalt. Insbesondere die komplexen geometrischen Muster auf den Bordw√§nden sollten vor dem Zusammenbau gemalt werden ‚Äď es ist einfacher, wenn die Teile flach auf dem Tisch liegen.

Ab Seite 23 beginnt die Takelung des Modells mit ersten Arbeiten am Bugspriet, dem schrittweisen Zusammenbau der Masten und dem Einbau der fertigen Baustufen. Auf Seite 30 geht es weiter mit dem Anknoten der ersten Bl√∂cke an die Rahen, dann folgt das schrittweise Anbringen der Stage und Pardunen und schlie√ülich die Takelung des laufenden Gutes zur Bedienung der Rahen und Segel. Wohl der √úbersichtlichkeit geschuldet, hat Revell fast jeder Rah eine Baustufe jeweils f√ľr Toppnanten, Geitaue und Brassen gewidmet. Ob dies unbedingt so hilfreich ist, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall gibt das Seiten im Bauplan. Mit dem Aufbringen des Na√üschiebebildes "E#R" auf das Gro√üsegel zur Kennzeichnung der Galeone als k√∂niglich-elisabethanisches Schiff beginnt die Takelung der Segeleinrichtung. In der letzten Baustufe (80) werden die Flaggen aufgehei√üt. Historisch korrekt setzt das Schiff die englische Flagge im Vortopp, zwei Tudorflaggen und einen Wimpel mit Georgskreuz am Bonaventurmast. Direkt aus dem Kasten gebaut, ist der Bau der Galeone hier abgeschlossen.

Sehr schade ist, dass an keiner Stelle die Bezeichnungen der Bauteile aufgef√ľhrt sind. So wie die Beschreibung des Schiffstyps fehlt, mangelt es auch an der korrekten Benennung der Bau- und Takelagenteile. Wenigstens in der Kopfzeile der Baustufen k√∂nnte man erw√§hnen, was hier gerade getakelt oder gebaut wird.

Fazit

F√ľr erfahrene Modellbauer ein durchaus reizvolles Modell, bietet es doch eine Menge M√∂glichkeiten, den ‚ÄěGrundbausatz‚Äú erheblich auszubauen. ‚ÄěAus dem Kasten‚Äú bereits ein √ľppiges Modell, wird es mit einigen Verfeinerungen zu einem echten Schmuckst√ľck. Mit Anforderungslevel 5 liegt der Hersteller richtig. Allerdings k√∂nnen auch Anf√§nger bei entsprechender Geduld und striktem Befolgen des Bauplans ein gutes Ergebnis erzielen.

Nur eben ‚ÄěNEW‚Äú ist der Bausatz nicht. Vielleicht eine willkommene Wiederauflage. Warum Revell immer wieder mit diesem bl√∂den Trick zum Kundenfang kommt, ist unverst√§ndlich.

Der Preis um die 100 ‚ā¨ ist nicht zu hoch. Hinzu kommen aber noch eine Menge Farben und gegebenenfalls Zur√ľstteile aus dem Zubeh√∂rhandel, schnell liegt man dann bei 150 ‚ā¨ und mehr.

Ich kann den Bausatz trotz aller Kritik empfehlen.

alt empfehlenswert

Frank Br√ľninghaus
Modellbauclub Koblenz

Wir danken Revell f√ľr das Bausatzmuster