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Die Queens, Teil 6: Queen Mary (1/400, Platinum Edition) von Revell Drucken
Mittwoch, 22. Juli 2020 um 05:00

 

Die Queens

 

Queen Mary 2 Deckelbild

Seit ich in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts die Apollo 11-Rakete von Revell geschenkt bekam, habe ich nie mehr ein Modell ähnlicher Dimension in den Händen gehabt. Schon allein die schiere Größe des Revell-Bausatzes der Queen Mary 2 in 1/400 lässt einen erstaunen, und sofort stellt sich die Frage, wo man denn das fast 90 cm lange Modell aufstellen könnte. Irgendwo oben drauf, denn in ein übliches Normregal von 80 cm Breite passt das Schiff keineswegs, wie die Abbildung zeigt. Und ja, die Verpackung ist nur wenige Zentimeter länger als das Modell.

Queen Mary 2 Schachtel

Weil man das Schiff unbedingt vor Staub schützen sollte, ist eine entsprechend große Vitrine anzuschaffen, denn an einen Staubwedeleinsatz ist wegen der vielen filigranen Teile nicht zu denken. Der Schaukasten müsste bezüglich Größe mindestens die Schachteldimensionen aufweisen. Sobald die Frage des Standortes und der Aufbewahrung geklärt ist, kann man sich an den Bau eines imposanten Modells machen. Für Beachtung und Bewunderung – besonders auch bei Laien – kann man sich bei einem Schiffsmodell dieser Größenordnung fraglos gewiss sein.

Revell brachte das Schiff erstmals 2004 auf den Markt. Später haben Artwox mit einem passenden Holzdeck und Gold Medal Models (GMM) mit einer Ätzteilplatine den Bausatz ergänzt, womit der Bau eines Topmodells möglich wurde.

2019 ist die Platinum Edition erschienen, ein rundum-glücklich Bausatz, „all inclusive“ mit Holzdeck, Ätzteilen und sogar einigen wenigen gedrehten Metallteilen. Glücklicherweise kann man sagen, denn inzwischen ist das Artwoxdeck kaum mehr erhältlich – die Firma soll Konkurs gegangen sein, der neue Ätzteilsatz aus dem Hause Revell ist um einiges umfangreicher als der von GMM und die Drehteile gab es vorher gar nicht.

Revell bewertet das Modell mit einem Skill Level 5 „nur für erfahrene Modellbauer und Bastler“. Obwohl das Schiff nicht sehr komplizierte Formen und Teile aufweist, die kaum noch nachbearbeitet werden müssen und hervorragend passen, sind meines Erachtens folgende Bedingungen Voraussetzung für ein gutes Gelingen:

  • Kenntnisse im Umgang mit Kunststoffen (Schneiden, Feilen, Kleben) sollten selbstverständlich sein.
  • Der Gebrauch von Pinsel und Farbe auf Kunststoffmaterialien ist vorausgesetzt.
  • Erfahrung im Gebrauch einer Spritzpistole ist von Vorteil, da bei der Größe der einzufärbenden Teile die Verwendung einer Spritzpistole meines Erachtens unabdingbar ist.
  • Weil über 100 Abziehbilder anzubringen sind, ist auch hier Erfahrung mit groß- und kleinflächigen Teilen von Vorteil.
  • Für die Verarbeitung der über 200 Ätzteile ist Geduld und Fingerfertigkeit gefragt.
  • Überhaupt ist viel Geduld aufzuwenden, denn der Baufortschritt kann nur langsam erfolgen, da der Bausatz aus rund 550 teils sehr großen Teilen und einer Unzahl von Kleinteilen besteht.
  • Die Bemalung – wie bei jedem Modell das besondere Qualitätsmerkmal – braucht eine gut abgestimmte Bau- und Bemalungsstrategie, verbunden mit viel Sorgfalt und Präzision in der Durchführung.

Zugegeben, das tönt jetzt schon fast etwas abschreckend, soll aber verhindern, dass man sich unvorbereitet in ein Bauabenteuer stürzt, das dann wohl nur sehr unbefriedigend enden wird. Oft ist es eben so, dass man sich von der auffallenden Größe zu einem Spontankauf verleiten lässt, oder man möchte jemandem (z.B. einem Göttikind (Patenkind)) ein besonders großartiges Geschenk machen. Tut man es, oder ist es schon passiert, dann empfehle ich unbedingt den vorherigen Trainingsbau eines kleineren und günstigen Einsteigermodells, z.B. die RMS Queen Mary in 1/570 von Revell (siehe Bausatzbesprechung).

Sind diese Voraussetzungen erfüllt – was ich bei den meisten Lesern von Modellmarine als gegeben betrachte – dann steht einem erfolgreichen Bau mit viel Bauspaß nichts im Wege.

Öffnet man den Stülpkarton, erkennt man als erstes die markanten Rumpfformen. Entfernt man diese und den Zwischenboden, gelangt man zu den Bauteilen, die (nicht gerade schonend) oft mehrfach übereinander gelagert in Plastiktüten verpackt sind.

Der Bausatz weist eine große Zahl transparenter Teile auf, die der Verglasung dienen. Oft sind hier Streben und Ränder zu bemalen. Das kann man mit speziellen Filzstiften bewerkstelligen oder nach aufwendiger Abkleberei mit Emaille- oder Acrylfarben angehen. Freihandbemalung ist nicht ausgeschlossen, scheint mir aber doch etwas riskant zu sein.

Die meisten der folgenden Teile (und weitere Plastik-Relingsstücke auf anderen Rahmen) sind bei Verwendung der Ätzteile überflüssig.

Die Spezialitäten der Platinum Edition

Die Platinum Edition umfasst alle Holzdeckteile, die eine fein geprägte Plankenstruktur aufweisen. Die selbstklebenden und vorgestanzten Bodenbeläge sind auf einer Trägerfolie aufgebracht. Im Vergleich mit den rötlich-braunen, etwas dunkel anmutenden Artwoxdecks scheint mir die helle Farbgebung des Holzbodens realistischer. Auch die Plankenbegrenzungen sind dezenter gelasert.

Holzdeckteile haben den willkommenen Nebeneffekt, dass man sich das aufwendige Abkleben der Decksflächen vor der Bemalung der senkrechten Aufbautenwände ersparen kann.

Die zahlreichen Ätzteile sind maßstabsgerecht sehr filigran ausgeführt. Sie werten das Modell entscheidend auf und tragen dazu bei, ein Modell entstehen zu lassen, das auch eines Museums würdig wäre.

Wie erwähnt, sind die nun im Bausatz integrierten Fotoätzteile umfassender und vielfältiger als die von GMM. Das Fehlen von Decksmobiliar, wie auf der GMM-Platine vorhanden, kann man verschmerzen. Wer solches wünscht, kann sich auf dem Zubehörmarkt bedienen.

Eine großformatige sechsseitige Anleitung in 3D-Darstellung zeigt aufschlussreich die Platzierung der einzelnen Ätzteile.

Die Anleitung

Die Bauanleitung besteht (hier auszugsweise dargestellt) aus einem A4-Heft von 36 Seiten. Eine durchdachte, 86 Bausequenzen umfassende Aufteilung lässt für den Bau kaum eine Frage offen. Eine Herausforderung besteht darin, die entsprechenden Plastikteile gegen die alternativ zu verbauenden Ätzteile auszutauschen. Das heißt, parallel zur Bauanleitung für das Grundmodell müssen immer auch die Anweisungen für den Einbau der Ätzteile und der Holzdecks konsultiert und beachtet werden. Das gilt auch für die Verarbeitung der Abziehbilder, die in großer Zahl vorhanden sind. Die Motorgondeln außerhalb des Rumpfes würde ich wegen ihrer exponierten Stellung entgegen der Anleitung erst am Schluss anbringen.

Die Bemalung will gut überlegt sein: Welche Teile sind günstiger vor und welche nach dem Zusammenbau der einzelnen Baugruppen zu bearbeiten? Weil das ganze Modell in weißem Plastik ausgeführt ist, könnte der eine oder die andere in Versuchung geraten, nur die farbigen Teile zu bemalen. Davon ist aber dringendst abzuraten, denn es gilt als Selbstverständlichkeit, die Plastikanmutung der Bausatzformen unter der (matten) Farbe verschwinden zu lassen.

Bezüglich Zusammenbau ist zu bemerken, dass einige Spachtel- und Schleifarbeiten nicht zu vermeiden sind. Nebst anderen Fugen müsste man wenigstens die Fugen der aus drei Teilen gefertigten Schiffsfront verschwinden lassen, damit sie die markante Charakteristik dieser Ansicht nicht stören. Es ist nicht einsichtig, warum die Formenbauer diese unnötige Teilung an ungünstigem Ort gewählt haben.

Die vielen Fenster eines Passagierschiffes verlocken dazu, eine Beleuchtung einzubauen. Dies ist bei diesem Modell sehr gut möglich, da genügend Platz für den Einbau vorhanden ist und auch die LED-Technik gut zu meistern ist. Was man dazu weiter beachten sollte, würde den Rahmen dieser Berichterstattung überschreiten. Ich verweise dazu aber gerne auf einen praktikablen Vorschlag auf dem Wettringer Modellbauforum, wo man einen Bau der Queen Mary 2 mit Beleuchtung sehr gut mitverfolgen kann. Aus meiner Sicht wertet eine Beleuchtung das Modell nicht notwendigerweise auf, es ist eher eine (kitschige) Spielerei.

Das letzte Bild zeigt einen Größenvergleich der verschiedenen Modellangebote der Queen Mary 2, soweit sie mir zugänglich waren (oben 1/1200, mitte 1/600 und unten 1/400):

Queen Mary 2 1/1200, 1/600 und 1/400

Fazit

Die Platinum Edition im Maßstab 1/400 der Queen Mary 2 erfüllt alle Erwartungen, die man an einen Rundum-Glücklich-Bausatz haben kann. Alle Teile sind in hervorragender Qualität und Feinheit vorhanden. Der gewählte Maßstab zeigt ein sehr repräsentables Modell, das sofort die Blicke auf sich ziehen wird, es benötigt aber auch einiges an Platz.

alt sehr empfehlenswert

Wilfred Grab

Wir danken Revell für das Bausatzmuster