Mit 14 Jahren begann ich mich für die Kaiserliche Marine zu interessieren. Ich wollte gerne mal ein Modell eines der alten Panzerschiffe nach Plan bauen. Es war 1985 und mangels greifbarer Planunterlagen versuchte ich mein Glück durch einen Brief ans Deutsche Schifffahrtsmuseum Bremerhaven. Das war damals noch eine Institution und jeder der seltenen Besuche dort war für mich als Binnenländer ein Erlebnis mit langem Nachhall. Spekuliert hatte ich in meinem Brief auf Pläne zu einem Linienschiff der König-Klasse. Als Antwort bekam ich das Angebot, eine Planmappe vom Küstenpanzerschiff Beowulf kaufen zu können. Von dem Schiff hatte ich noch nie etwas gehört. Ein Vorschaubild in einem Bauplankatalog überzeugte mich total: das ist ein kleines Schiff, welches alle Stilelemente der damaligen Panzerschiffe in harmonischen Proportionen zeigt. Das musste ich haben! Zum Taschengeldtarif konnte ich die Mappe mit den ausführlichen Zeichnungen im Maßstab 1/100 von Dipl.-Ing. Wolfgang Bohlayer in Bremerhaven bestellen. Seitdem lässt mich das mit Spitznamen „Meerschweinchen“ genannte Schiff nicht mehr los.
Beim Fotodienst Drüppel in Wilhelshaven konnte ich ein fünf kostspieliege Fotoabzüge vom Original kaufen. Mehr Unterlagen hatte ich im Heimatdorf vor der Erfindung des Internets leider nicht. Es folgte im gleichen Sommer ein Vollrumpfmodell aus Sperrholz mit Furnierbeplankung. Ich war jung und unerfahren, wer wollte, konnte darin schon ein Modell der Beowulf erkennen. Der nächste Anlauf, wieder in 1/100 aus Holz, wurde 1986 schon deutlich besser. Das dritte Holzmodell kam 1987 über das Rumpfstadium nicht mehr hinaus. Andere Dinge wurden dann doch wichtiger.
2013 wollte ich es dann nochmal wissen. Als Basis kam der Kartonmodellbogen von HMV im Maßstab 1/250 zum Einsatz. Meine nächste Beowulf sollte ein Wasserlinienmodell im Diorama werden. Das Küstenpanzerschiff sollte beim Kohlenehmen irgendwo auf Reede an der Nordseeküste oder der Elbmündung (wo die Stationierungsgebiete des Schiffes lagen) gezeigt werden. Schuten und Schlepper sollten das Diorama beleben.
Das Original
Das Küstenpanzerschiff S.M.S. Beowulf war das zweite Schiff einer Reihe von sechs baugleichen Einheiten, die zu Anfang der 1890er Jahre in Dienst gestellt wurden. Später folgten noch zwei weitere, ähnliche Schwesterschiffe (Odin und Aegir). Typschiff dieser Schiffsklasse war die Siegfried. Alle Einheiten wurden nach nordischen Sagengestalten benannt und trugen folgende Namen: Siegfried, Beowulf, Frithjof, Hagen, Heimdall und Hildebrand. Die Beowulf war ursprünglich als »Panzerkanonenboot P« projektiert worden. Das Schiff sollte die Sicherung des neuen, damals noch in Bau befindlichen Kaiser-Wilhelm-Kanals (dem heutigen Nord-Ostsee-Kanal) und der Schutz der Flussmündungen von Elbe (Hamburg), Weser (Bremen) und des Jadebusens (Wilhelmshaven) übernehmen. Die Einheiten der Siegfried-Klasse waren hochseetauglich und kamen als »Panzerschiffe IV. Classe« in Fahrt.
Kennzeichnend für den Entwurf waren die weit nach außen gezogenen Bordwände, die im Querschnitt einen glockenförmigen Schiffskörper bildeten. Diese Form war der damals überbewerteten Angst vor Torpedoboots-Angriffen geschuldet: Einschlagende Torpedos sollten möglichst weit von den lebenswichtigen Schiffseinrichtungen (Maschinen, Kessel) gehalten werden. Rund um das Schiff verlief ein Gürtelpanzer. Die Haupt-Bewaffnung von drei 21-cm-Kanonen wurde in sog. »Russischer Artillerieaufstellung« platziert: Zwei Geschütze vorn nebeneinander in je einem Turm, das dritte Geschütz achtern. Diese Aufstellung erfolgte nach den zeitgleich gebauten russischen Linienschiffen der Imperatrica Ekaterina II-Klasse (vier Einheiten), die als potenzielle Gegner gesehen wurden. Das Feuer voraus wurde damals hoch bewertet, Gegner sollten mit diesen Schiffen vor den deutschen Küsten »in Empfang genommen« werden. Im Gesamtaussehen dieser Schiffe lassen sich zeitgenössische, französische Einflüsse nicht leugnen. Auffallend ist, dass auf den Panzerhauben keine Zieloptiken zu sehen sind. Die schweren Kanonen wurden damals noch nach alter Väter Sitte über Kimme und Korn gerichtet! Die 24-cm-Geschütze der Beowulf und ihrer Schwestern lagen in einer gepanzerten Barbette auf einer Drehscheibenlafette. Darauf war die Panzerkuppel zum Schutz der Bedienungsmannschaft montiert. Wir haben es hier noch nicht mit einem richtigen Panzerturm wie bei späteren Schiffen zu tun.
Das Modell
Der verbaute Kartonbogen ist aus den späteren 1990er-Jahren und handgezeichnet. Er basiert auf den erwähnten Planunterlagen von Herrn Bohlayer. Grundlage dessen war eine lange im DSM ausgestelltes Werftmodell des kleinen Panzerschiffes. Die Teile des Baubogens passen hervorragend zusammen. Es war fantastisch zu sehen, wie solch eine komplizierte Rumpfform, die dem Querschnitt einer Glocke ähnelt, tatsächlich mit einem Stück abzuwickeln ist. Sauberes und gewissenhaftes Vorformen mit den Fingern muss aber vor der Montage erfolgen. Wichtig ist, die Bordwände zuerst unten am Spantengerüst anzukleben. Nachdem der Kleber (UHU) eine Nacht getrocknet war, klebte ich die Seiten dann oben an. Mit der Methode ist es möglich, von oben noch ein wenig korrigierend hinter die Bordwände zu greifen und die Teile bei Bedarf teilweise mit den Spanten von innen zu verkleben. Alle Bauteile, bis auf die Flächen der Decks, haben einen Farbauftrag aus Revell-Aqua-Color bekommen.
Die Beowulf ist in seiner Formenvielfalt des Rumpfes und der Aufbauten für den Modellbauer alles andere als langweilig zu bauen. Rechte Winkel sind nicht oft zu finden. Dieses Spektrum galt es nun als Geschützunterbauten, Hängemattenstaukästen, Ascheschütten außenbord und Geschützerkern zu bewältigen. Die geschwungenen Brückendecks vorn und hinten folgten. Es gab in dieser Modellbauphase einiges zu biegen und zu runden. Geklebt habe ich hier mit wasserverdünntem Weißleim, mit dem Pinsel aufgetragen. Durch deutliche erweitererte Recherchemöglichkeiten habe ich das HMV-Modell noch um einige vorbildgerechte Details erweitern können.
Die zwei ca. 8 cm langen Kohleschuten sind aus einem kostenlosen Internet-Download von papershipwright entstanden. Als Kohlenladung schnitzte ich zunächst einen »Berg« aus Balsaholz. Der kam in die Schuten und wurde dunkelgrau angemalt. Darauf kam dann mit viel Leim Mohn aus dem Supermarkt als Ladungsimitat. Als alles getrocknet war, wurde der Mohn an einigen Stellen mit Panzergrau nachgepinselt. Als Personal mussten Modellbahnfiguren der in meinem Maßstab halbwegs passenden Spur Z herhalten. Schmutz an Schuten und Figuren habe ich mit Pastellkreide aufgetragen.
Ich kann mir halbwegs vorstellen, welch eine Schinderei das Kohlenehmen war! Von den Besatzungen wurde diese Schwerarbeit ironisch »Kohlenfest« genannt. Es spielte bei der Marine manchmal eine Kapelle und ab und zu gab es einen sog. »Kohlenschnaps« als Belohnung. Oft ließen die Offiziere im Geschwader die Schiffe um die Wette bunkern, zu Lasten der arbeitenden Besatzungen. Zum Kohlebunkern noch folgende Zahlen: Die Beowulf konnte 225 Tonnen bunkern. Im Hamburger Hafen schaffte es ein Kohlenträger in einer Stunde rund 1,5 Tonnen Kohle von einer Schute auf ein Seeschiff zu bringen. Das schwarze Gold wurde dabei in Körbe geschaufelt. Ein Korb soll eine Menge von ungefähr 100 kg Kohle gefasst haben. Die Kohlenkörbe sind im Modell aus gebrauchten Kaffeefiltern gerollt. An der Schiffsseite sind Fender aus demselben Material ausgebracht. Aus einem weiteren kostenlosen Download ist der kleine Tender entstanden. Er schleppte die Schuten und diente zur Versorgung der großen Kriegsschiffe im Hafen und auf der Reede. Die letzten Modelle im Kleintierzoo sind ein Dampfboot 3. Klasse und zwei Dinghis, die später an der ausgebrachten Backspiere liegen.
Als wichtigen Schritt zum Diorama folgt nun die Herstellung der Wasserfläche. Mein Ziel war es, die Imitation einer ruhigen, leicht bewegten Wasserfläche zu schaffen. Zunächst setzte ich meine Modelle in der gewünschten Anordnung auf eine Grundfläche aus normalem Schreibpapier. Die Grundfläche deckt sich in den Ausmaßen mit meinem Holzsockel, den ich mir – mit einer Falz versehen – von einem Tischler machen ließ. Die Umrisse der Modelle zeichnete ich mit Bleistift auf dem Papier nach. Zu beachten waren dabei die späteren Positionen des ausgeklappten Schraubenschutzes und der ausgebrachten Backspieren. Vor das Schiff kam später noch die Festmachertonne. Tender und Dampfpinasse machen leichte Fahrt und bekommen entsprechend ein paar Wellen. Die Umrisse der Modelle habe ich dann ausgeschnitten, um später die Form wiederzufinden. Die Wasserdarstellung klebte ich nun aus gerissenen Papierserviettenstücken mit Leim in diagonalen Streifen auf das Papier. Wichtig ist, einen gewissen Rhythmus zu kleben, um die Fläche nicht zu unruhig zu gestalten. Die überlappenden Risskanten bilden nun automatisch Wellen. Auf Begrenzungen der Grundfläche habe ich dabei keine Rücksicht genommen.
Die ganze Chose habe ich dann mit Abtönfarbe angepinselt (oder besser: übermatscht). Unebene Stellen habe ich mit Acrylgel ausgebessert. Anhand der ausgeschnittenen Formen konnte ich nun aus der entstandenen »Matte« von unten die überstehenden Wasserflächen ausschneiden. Nun folgte eine künstlerische Feinbehandlung mit grüner und dunkelblauer Acrylfarbe (aus dem Künstlerbedarf), um den finalen Wasserton festzulegen. Nach der Trocknung setzte ich mit transparentem Acrylgel, wieder diagonal den Serviettenkanten folgend, kurze Pinselstriche mit dem Borstenpinsel als Wellendarstellung. Als das wiederum getrocknet war, klebte ich die »Wassermatte« auf den Holzsockel. Ein wenig Tiefe (bzw. Höhe) erzeugte ich mit sehr wässriger Acrylfarbe (Ocker), die ich mit Gefühl und dem Finger über die Fläche rieb. Die leidige Frage – wie immer bei dem Thema »Wasserdarstellung« – ist die Frage nach dem richtigen Farbton. Mein Diorama spielt irgendwo an der Nordseeküste oder in der Elbmündung, also im flachen Küstengewässer, das aus der Vogelperspektive – denn so wird der Betrachter das Modell später meist sehen – eher schlammig/grünlich wirkt.
Nun stand nach fast einem halben Jahr Bauzeit mein Beowulf-Diorama fast fertig da. Dinge, die das Leben auf einem Diorama ausmachen, wurden hinzugefügt: Die längsseits liegenden Kohlenschuten, der Tender, das herandampfende Dampfboot und natürlich noch ein paar die Szene belebende Figuren kamen zum Hauptmodell. Der Großmast zeigt das Flaggensignal »Brauche Kohle/200 Tonnen«. Das fertige Modellarrangement bekam zum Schluss eine Fixierung mit Aquarell-Fixativ-Spray. Das Spray bewirkt u. a., dass glänzende Klebepunkte verschwinden und alles unter einer matten Schicht liegt. Damit war mein weiteres Modell des deutschen Küstenpanzerschiffes fertig! Die 1/250er-Beowulf liegt an der Tonne und bekommt ihre Kohlenlieferung eingeschaufelt.
Klaus Lingenauber, Hamburg



















